traummist schaufeln
september 2024, portugal
wir sind irgendwo angekommen
also kriechen die alpträume wie der nebel um die hügel.
ein hund bellt zu lange bei nacht, weckt in schrecken –
körperloses versetztsein, verwirrtsein, den verstand verlieren –
ahhh!
der mond bricht nebellicht, der hund bellt immer noch.
alle schlafen seelenruhig,
meine seele schreit, will schon wieder fortlaufen, kaum ist sie angekommen.
hier, die erlösung, auf dem silbertablett – doch nicht ohne buße.
dabei bin ich nicht gläubig, nicht auf diese art.
trinke kaffee, statt brot und wein und schau den bäumen beim wiegen zu.
grauer morgen, nieselig dicht wie mein geist. lippenpressen um alles für mich zu behalten. höre stimmen durchdringen – sind es kinder oder engel?
streiten sich spielerisch, bitten einander um verzeihung für die unzulänglichkeiten des jeweils anderen.
der hahn schreit am morgen stundenlang. ihn verwirrt der nebel auch.
obwohl, er schrie auch gestern nachmittag, nebellos.
für ihn ist der ganze tag morgen,
bei allen möglichen sonnen.
teil II
gestern lud mich der weiße schimmel in ein wäldchen ein. eine ruhige stute.
ich begrüße sie vorsichtig, streichelte ihren widerrist, ihren gurgelnden, kugelrunden bauch. nach einiger zeit dösten ihre augen leicht und ich wagte sie am kopf und um die ohren zu berühren. sie bewegte sich nicht, stand nur dort und sagte mir, dass alles okay ist.
dass ich keine angst zu haben brauchte.
meine selbstbezogenheit ekelt mich an
versuche zu geben
aber fühle mich gabenlos.
ich schaufle pferdemist jeden tag auf der koppel und fühle mich nützlich,
als würde ich etwas beitragen zu dieser staubigen welt.
ich schaufle gerne ihren mist.
teil III
ich schaufle täglich pferdemist.
hiefe jeden haufen auf einen kleinen wall, der entlang der koppel läuft, um regenwasser in dem graben daneben zu sammeln. nach dem winter wird dort der boden fruchtbar genug sein, um bäume und amaranth zu pflanzen. die wurzeln werden das bodenwasser hochziehen und machen das feld bestellbar.
„aber das dauert noch fünf jahre, bis die wurzeln so stark sind, um das wasser hochzuziehen“, erklärt sie mir.
ich arbeite also an einem fünf-jahresplan, in dem ich pferdemist schaufle.
wer hätte das gedacht.
während ich also mist schaufle, arbeite ich daran, etwas positives beizutragen, etwas wachsen zu lassen, fruchtbar werden zu lassen.
über nacht fressen schillernde schwarz-blaue mistkäfer oft den gesamten haufen und zerhacken ihn dadurch in kleine stückchen. auch sie nähren sich daran. manchmal blitzt ein käfer durch meinen rechen hervor.
wie wunderschön, die mistfresser.
vielleicht bringt mir alles dies deshalb so viel frieden,
wie nah es an meiner berufung liegt.
in einem meeting sage ich: ich schaufle täglich pferdemist, und es ist sehr erfüllend.
sie belächeln mich, doch einer nickt
eifrig und zustimmend –
ein künstler.
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Foto: Timothy Dykes, unsplash


Teil II hat mich erwischt.
Mehr hab ich dazu gar nicht.
...und ich, ich nicke auch. wohl weil ich auch jeden tag pferdemist schaufle und es mich glücklich macht. und weil ich auch so gern klein schreibe. ob das zusammenhängt? ist die weiße stute trächtig? fohlen machen nämlich am allerglücklichsten :)))